Ein Architekt erzählt über Projekte im Ausland

Der Sommerapéro der A+W Bern am 20. August 2019 stand im Zeichen der Energiezukunft – in Anlehnung an das Impulsreferat «Zum Fliegen braucht es keine Flügel» von Marc Hauser. Einer der Gäste war Sacha Gräub, Architekt, Bauherrenberater und Leiter der Niederlassung Bern Emch+Berger ImmoConsult AG. Im Interview beantwortet er Fragen zu den beruflichen Herausforderungen eines Architekten.

Sacha, welche Art von Gebäude planst du am liebsten und warum?

Gute Frage (lacht). Es geht vor allem um die Komplexität. Es ist also nicht unbedingt die spätere Nutzung des Gebäudes, die spannend ist. Denn je komplexer ein Gebäude ist und je mehr Beteiligte sich damit beschäftigen, desto interessanter und faszinierender kann das Projekt werden. Um dennoch einzelne Nutzungen zu nennen: eine Sternwarte, die man nur einmal baut, ein Gefängnis oder ein Grossprojekt, welches es in dieser Dimension selten gibt – das sind spannende Projekte. Doch auch hier ist es letztendlich die Komplexität im Projekt oder in der Organisation, die fasziniert.

Du hast auf den Kanarischen Inseln ein Hotelbauprojekt geleitet. Was war damals die grösste Herausforderung?

Spannend war erstens die Ausgangslage: Ich war damals selbstständig und habe erfahren, dass für ein Grossprojekt ein Gesamtprojektleiter im Ausland gesucht wird. Ich ging einfach hin und präsentierte mich als passende Person für diese Aufgabe. Das hat mich natürlich einiges an Mut gekostet.

Das Interessante an dem Projekt war für mich insbesondere, dass es international war. Im Ausland gibt es bei solchen Grossprojekten im Gegensatz zur Schweiz eher einfache und klare Hierarchien. Die Organisation ist also anders. Die Projektführung und das damit verbundene Delegieren bei solchen internationalen Projekten ist eine neue Herausforderung. Man beschäftigt sich etwa auch mit der spannenden Frage, wie man die verschiedenen Leute aus den unterschiedlichen Ländern überhaupt zusammenbringt. Bei diesem Projekt kamen zum Beispiel die Möbel aus Thailand, der Grossküchenbauer war aus Deutschland und der Holzbau wurde von einer Luzerner Firma durchgeführt. Umso erfreulicher ist es, dass es eben doch ganz gut funktionierte, und das mit einer gewissen Selbstverständlichkeit.

Zudem war die Arbeitszeit anders. Arbeiten und Privatleben verschmelzen häufig. Wir waren teilweise 12 bis 13 Stunden auf der Baustelle, haben neue Arbeitsgruppen oder Gäste empfangen und kümmerten uns auch um Materialanlieferungen. Du bist also nicht im gewohnten System, wie du es von zuhause kennst. Das war eine sehr spannende Erfahrung, rein vom Umfeld her. Und last but not least: das Klima. Es ist praktisch das ganze Jahr Sommer.

In welchem Land der Welt würdest du gerne mal ein Projekt realisieren?

Mich faszinieren Grossprojekte in Megacitys wie beispielsweise in Saudiarabien oder China. Wankdorf-City in Bern ist für unsere Verhältnisse riesig – in China gibt’s allerdings Projekte, die erheblich grösser sind. Solche Projekte faszinieren mich.

Wagt man in der Architektur – in Anlehnung an das Referat – auch hin und wieder einen Sprung ins Ungewisse? Was rätst du zukünftigen Architektinnen und Architekten?

Es gibt zwei Aspekte. Ein Architekt ist von Grund auf kreativ. Er arbeitet kreativ und wagt dabei auch, neue Wege zu gehen. In diesem Sinne sind Architekten schon heute per se mutig. Was bereits jetzt – und in Zukunft noch stärker – wichtig ist, ist die frühe Auseinandersetzung mit Querschnittsthemen wie Bestellerkompetenz des Nutzers, buildingSMART, BIM, SNBS, generelle Digitlisierung, Nachhaltigkeit etc., die früh in die Planung einfliessen sollen.

Häufig gewinnen heute Architektinnen und Architekten Wettbewerbe dank ihrer Kreativität und ihrer konzeptionellen Denkweise, ziehen sich dann aber ab der Projektierung zurück oder geben ihre Rolle an einen Spezialisten ab. Die Aufgabe des Architekten wird daher eigentlich immer wichtiger – sofern sich die Architektinnen und Architekten den neuen Herausforderungen ständig annehmen. Und da sehe ich in meiner laufenden Tätigkeit auf der Bauherrenberatungsseite bei Emch + Berger ImmoConsult AG die neuralgischen Punkte, die immer wieder diskutiert werden. Diese Thematik  ist damit auch ein Sprung ins Ungewisse für alle Beteiligten – und benötigt mehr Mut und Innovation.

Was bedeutet für dich Mut, beruflich und privat?

Mut wird belohnt! Ich habe immer mal wieder etwas gewagt, wie beispielsweise nach dem Architekturstudium den Schritt in das Baumanagement. Ausserdem war ich länger im Ausland. Mich hat Mut immer bereichert und es hat sich – beruflich wie privat – gelohnt. Mutig sein heisst, offen für Veränderungen zu sein, Anforderungen anzunehmen. Manchmal nicht zu mutig zu sein, ist aber auch wichtig, das sage ich als Familienvater, wenn es um die Einschätzung von Risiken geht. Aber alles in allem ist Mut sicher etwas Positives.

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