In 2027 feiert die Amstein + Walthert Gruppe ihr 100-jähriges Jubiläum. Im Rahmen der diesjährigen Nachhaltigkeitskampagne wagen wir einen Blick in die Vergangenheit und lassen ehemalige Mitarbeiter:innen zu Wort kommen, die in den letzten Jahrzehnten das Thema Nachhaltigkeit wesentlich mitgestaltet und geprägt haben. Sie analysieren die Entwicklung von Amstein + Walthert und der Energiebranche und erörtern verschiedene Fragestellungen. Den Auftakt macht Marianne Zünd. Sie war bis 2002 bei Amstein + Walthert in Zürich tätig und wechselte anschliessend zum Bundesamt für Energie. Heute leitet sie die Abteilung Medien und Politik und ist Mitglied der Geschäftsleitung. Ende Februar verabschiedet sie sich in die Frühpension.
Marianne Zünd, was hat Sie damals an Amstein + Walthert gereizt?
Ich war in meinem damaligen Job unzufrieden und bat meine Headhunterin um Unterstützung. Sie erzählte mir von einem aufstrebenden, expandierenden und erfolgreichen Gebäudetechnikunternehmen, mit dessen Direktor sie kürzlich gesprochen hatte, und empfahl mir, den damaligen Geschäftsführer und heutigen Namensgeber, Roland Walthert, zu kontaktieren. Roland Walthert und ich hatten von Beginn an einen Draht zueinander. Er plante, ein internes Forschungsprogramm aufzubauen, zudem hatte A+W ein Mandat beim ETH-Rat im Rahmen des Programms «Novatlantis» inne. Durch meinen beruflichen Hintergrund qualifizierte ich mich für die Arbeit an diesen Projekten.
Ich begann 2001 in der Abteilung von Roland Stulz. Unser Büro war in einem Baracken ähnlichen Gebäude nahe des Leutschenbachs in Oerlikon. Es lag Start-up-Feeling in der Luft und wir arbeiteten in einer sehr inspirierenden Atmosphäre. Ich arbeitete unter anderem mit Urs-Peter Menti, Adrian Altenburger, Heinrich Gugerli und Andreas Baumgartner. Amstein + Walthert war eine Art Geheimzelle für viele, die heute in wichtigen Positionen innerhalb der Schweizer Energiebranche tätig sind oder waren.
Mit welchen Projekten konnten Sie während Ihrer Laufbahn Akzente im Bereich Nachhaltigkeit und erneuerbare Energien setzen?
Bei A+W konnte ich insbesondere im Rahmen des Programms Novatlantis im Energiebereich mitwirken. Novatlantis war der Vorläufer der 2000-Watt-Gesellschaft und hatte die Kernidee, den Energieverbrauch auf weltweit 2000 Watt pro Person zu senken. Während meiner Tätigkeit beim Bund war mit Sicherheit die Energiestrategie 2050 das wichtigste Projekt. Sie wurde nach der Atomkatastrophe in Fukushima, Japan, 2011 initiiert.
Wo stehen wir heute bei der Umsetzung der Energiestrategie 2050?
Wir sind auf einem guten Weg, die Technologien entwickeln sich stetig weiter. Allerdings dominiert die Frage nach den Energietechnologien zur Stromproduktion stark, die Mobilität und der Gebäudebereich werden mehrheitlich ausser Acht gelassen. Dies hat einerseits damit zu tun, dass der Gebäudebereich Sache der Kantone ist und der Bund einen geringen Einfluss hat. Andererseits sind die privaten Anspruchsgruppen sehr stark. Verbesserungen, die zwar eine bessere Energieeffizienz und Komfort bringen könnten, aber höhere Investitionen erfordern oder noch wenig verbreitet sind, stossen weiterhin nur auf begrenzte Akzeptanz. Das Gebäudeprogramm, welches durch einen Teil der CO2-Abgabe und die Kantone finanziert wird, stellt Fördermittel für Gebäudeeigentümer:innen zur Verfügung, damit sie sich für energieeffiziente Lösungen entscheiden.
Welche Weichen sind gestellt und welche Bereiche bieten noch Raum für innovative Ideen?
Die Energiestrategie zeigt uns den Weg auf. Bei den erneuerbaren Energien konnten wir insbesondere bei der Photovoltaik Fortschritte erzielen. Die Windenergie hat in der Schweiz einen schweren Stand. Ebenso die Geothermie. Zurzeit befindet sich ein Projekt in Haute-Sorne in der Durchführung, bei dem eine neue, vielversprechende Technologie erprobt wird. Andere Projekte sind von dessen Erfolg abhängig. Im Bereich der Energieeffizienz wurde noch nicht das ganze Potenzial ausgeschöpft.
«In meinen Augen ist A+W führend im Bereich Nachhaltigkeit und Innovation, da diese Themen bereits lange fester Bestandteil ihrer Unternehmensphilosophie sind.»
Welche Rolle spielen Beratungsunternehmen wie Amstein + Walthert innerhalb der Energiewende?
Beratungsunternehmen obliegt eine besondere Rolle. Sie müssen ihren Kund:innen fundiert und nachvollziehbar aufzeigen, welche Handlungsmöglichkeiten in ihrer jeweiligen Situation bestehen und sich langfristig bewähren. In meinen Augen ist A+W führend im Bereich Nachhaltigkeit und Innovation, da diese Themen bereits lange fester Bestandteil ihrer Unternehmensphilosophie sind.
Hatten Sie weitere Projekte, die prägend für die Energiebranche waren?
Mit der Initiierung des Watt d’Or 2006 konnten wir die Sichtbarkeit der Energiebranche stärken. Im Auftrag des ehemaligen Direktors des BFE, Walter Steinmann, entwickelte ich das Konzept für den Watt d’Or, um innovative Projekte im Energiebereich auszuzeichnen. Der Watt d’Or entwickelte sich, auch dank einer namhaften Jury, zu einem renommierten Preis mit Strahlkraft.
Welche Entwicklungen und Innovationen in der Gebäudetechnik waren respektive sind Ihrer Meinung nach zentral, um den Energiewandel zu vollziehen?
Die Digitalisierung ist unverzichtbar. Die im Zuge der Dekarbonisierung entstehenden Strukturen gehen mit einer umfassenden Elektrifizierung einher. Dadurch wird das gesamte Stromsystem grundlegend verändert: Konsument:innen werden zunehmend auch Produzent:innen. Dies erfordert neue, digitale Steuerungs- und Koordinationsmechanismen. Zudem sind Speicherlösungen notwendig, da die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien nicht jederzeit gleichmässig erfolgt. Produktion, Speicherung und Verbrauch müssen daher intelligent aufeinander abgestimmt werden – idealerweise in Einklang mit dem tatsächlichen Strombedarf. Ergänzend kommen digitale Effizienztechnologien auf der Verbrauchsseite zum Einsatz. Insgesamt ist eine durchgängige Vernetzung aller Systemebenen erforderlich.
«Fachleute sind gefordert, eine einfache Sprache zu verwenden und mit konkreten Beispielen zu arbeiten, denn häufig sind sie den Privatpersonen am nächsten.»
Welche weiteren Faktoren sind für die Dekarbonisierung wichtig? Und wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?
Ein zentraler Punkt ist die Komplexität der Energiethematik. Entsprechend schwierig ist es, der breiten Bevölkerung die Bedeutung dieses Themas verständlich zu vermitteln. Fachleute sind daher gefordert, eine einfache Sprache zu verwenden und mit konkreten Beispielen zu arbeiten, denn häufig sind sie den Privatpersonen am nächsten. Da in der Schweiz über viele Sachfragen abgestimmt wird, ist es besonders wichtig, die Bevölkerung miteinzubeziehen. Verstehen zudem die Verantwortlichen eines privaten Gebäudeprojekts die Erläuterungen der Fachpersonen nicht, lehnen sie Vorhaben in der Regel eher ab. Darüber hinaus ist die Förderung von neuen und die Weiterbildung von bestehenden Fachkräften wichtig. Die fortschreitende Entwicklung der heutigen Technologien erfordert die stetige Weiterentwicklung der Fachkenntnisse.
Wie sehen Sie Ihre ehemalige Arbeitgeberin Amstein + Walthert heute?
Für mich ist A+W ein Fundament in meiner beruflichen Karriere, der Ausgangspunkt für mein heutiges Netzwerk im Energiebereich. Beeindruckend finde ich, wie stark Amstein + Walthert über die letzten Jahre hinweg gewachsen ist. Das ist Ausdruck einer erfolgreichen Geschäftsführung und einer ausgeprägten Sensibilität für Markttrends. Bereits damals war Amstein + Walthert bewusst, dass der Bedarf an raffinierten nachhaltigen Lösungen gross ist. A+W verstand es, Innovationen zu beobachten und ihren Nutzen für das Unternehmen und die Branche gewinnbringend einzusetzen.
Sie gehen in wenigen Wochen in Pension. Auf was freuen Sie sich am meisten?
Auf Zeit für mich. Ich möchte wieder mehr meinen Hobbies nachgehen können, den Garten bewusst bepflanzen, mehr Sport treiben und spontan sein. Ich möchte Herrin über meine Agenda sein.
Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute für den bevorstehenden Ruhestand!
Die Energie der Zukunft: A+W im Gespräch mit ehemaligen Wegbereiter:innen
2027 feiert die Amstein + Walthert Gruppe ihr 100-jähriges Jubiläum. Im Rahmen der diesjährigen Nachhaltigkeitskampagne wagen wir einen Blick in die Vergangenheit und lassen ehemalige Mitarbeiter:innen zu Wort kommen, die in den letzten Jahrzehnten das Thema Nachhaltigkeit wesentlich mitgestaltet und geprägt haben. Sie analysieren die Entwicklung von Amstein + Walthert und der Energiebranche und erörtern verschiedene Fragestellungen. Den Auftakt machte Marianne Zünd.

