Andreas Baumgartner arbeitete über 20 Jahre bei Amstein + Walthert in Zürich. Mit seinem Innovationsgeist prägte er zahlreiche Projekte im Bereich des nachhaltigen Bauens und ebnete den Weg für Nachfolger:innen. Seit 2022 ist Andreas Baumgartner im Ruhestand. Im Rahmen unserer Nachhaltigkeitskampagne 2026 sprach er mit uns über seine Anfänge, prägende Erfahrungen und berufliche Highlights.
Andreas Baumgartner, Ihr beruflicher Werdegang zeigt, dass Sie sich seit Karrierebeginn konsequent dem nachhaltigen Bauen gewidmet haben. Wie kam es zu dieser Fokussierung?
Mit 16 Jahren stand ich 1970 anlässlich des Tags der offenen Tür im noch leeren Reaktor des Atomkraftwerks Mühleberg bei Bern. Die ganze Schweiz hat über das technische Meisterwerk gejubelt. Ich war allerdings dieser neuen Technologie gegenüber kritisch eingestellt und bin es bis heute geblieben. Vielmehr interessierten mich die erneuerbaren Energien in all ihren Formen. Damals existierten zwar erneuerbare Energien, sie standen aber noch nicht im politischen und wirtschaftlichen Zentrum. Es handelte sich mehrheitlich um Biomasse (Holz) und Wasserkraft. Solar- und Windenergie waren technisch noch wenig entwickelt und sehr teuer. Nach meinem Abschluss als Bauingenieur konnte ich 1978 in einem Pionierunternehmen unter anderem thermische Solaranlagen, Erdregister, Wärmepumpen und SPS-Steuerungen planen und realisieren. Damals wurden wir oft belächelt, konnten aber viel Know-how aufbauen.
Mit dem Architekten Roland Stulz gründeten Sie 1979 das Energieberatungsbüro Intep. 1999 fusionierte Intep mit Amstein + Walthert. Wie kam es dazu?
Nach 20 erfolgreichen Geschäftsjahren gerieten unsere personellen und finanziellen Ressourcen an ihre Grenzen. Durch den Zusammenschluss konnten wir unsere Dienstleistungen in den Themen Facility Management, PV-Anlagen, Bauphysik, Simulationen und einigen mehr. ausbauen. Damit begann die Etablierung des nachhaltigen Bauens auf breiter Basis.
«Der Eulachhof bewies, dass institutionelle Anleger grosse Pionierprojekte realisieren können und die Nachhaltigkeit die Rentabilität nicht ausschliesst.»
Als Senior Consultant bei A+W prägten Sie einige wegweisende Projekte im Bereich des nachhaltigen Bauens. Beispielsweise die «Null-Energie-Wohnsiedlung Eulachhof» in Winterthur, welche 2007 den Schweizer Solarpreis und 2009 den Watt d’Or gewann, der erste mit Beteiligung von Amstein + Walthert. Was war das Besondere am Eulachhof?
Das Projekt wurde von zwei institutionellen Anlegern finanziert. Dr. Hansjürg Leibundgut, damaliger Geschäftsführer von A+W Zürich, trieb dieses Projekt massgeblich voran. A+W entwickelte zusammen mit dem innovativen Architekten Dieter Schwarz das Energie- und Gebäudetechnikkonzept und übernahm die gesamte Gebäudetechnikplanung. Zahlreiche interessante Bauelemente, wie beispielsweise die Wärmerückgewinnung aus dem Abwasser, die Glas-X-Elemente, die hochgedämmte Holzfassade und ein spezielles Lüftungs- und Wärmepumpensystem konnten wir im grossen Massstab testen.
Welche Bedeutung hatte dieses Projekt für die Energiebranche?
Bis zu diesem Zeitpunkt wurden mehrheitlich Einfamilienhäuser nach Minergie zertifiziert. Der Eulachhof war mit 150 Wohnungen das erste Projekt dieser Dimension, bei dem sogar Minergie-P angewendet wurde. Es bewies, dass institutionelle Anleger, trotz eines engen finanziellen Korsetts, grosse Pionierprojekte realisieren können und die Nachhaltigkeit die Rentabilität nicht ausschliesst. Der Eulachhof hatte eine breite Signalwirkung in der Immobilien- und Baubranche und ebnete den Weg für weitere nachhaltige Bauten dieser Grössenordnung.
Mit dem Gütesiegel greenproperty, welches Amstein + Walthert in Zusammenarbeit mit der Credit Suisse entwickelte, arbeitete A+W erstmals an der Schnittstelle zur Finanzbranche. Was waren die Beweggründe dafür?
Wir haben früh erkannt, dass der Bau und Betrieb von Gebäuden wesentliche CO2-Emitenten sind. Gleichzeitig stieg auch die Relevanz der institutionellen Bauherrschaften mit immer grösseren Investitionsanteilen bei Immobilien. Damit war für uns klar, dass diese aufgrund ihres grossen Portfolios einen starken Einfluss auf das nachhaltige Bauen haben.
Im Vorfeld zu diesem Projekt konnten wir ein Bewertungssystem für die Nachhaltigkeit der Schulgebäude der Stadt Zürich entwickeln. Damit haben wir Pionierarbeit geleistet, dies blieb auch von der Credit Suisse nicht unentdeckt. Für das Gütesiegel greenproperty haben wir die vorhandenen Kriterien, Indikatoren und Messwerte nochmals wesentlich verbessern und vereinfachen können. Die CS gründete dann einen speziellen Immobilienfonds, der Liegenschaften enthielt, die die neuen greenproperty-Standards im Bau und im Betrieb erfüllten.
Wie innovativ war das Gütesiegel?
Ich behaupte sehr innovativ: Die Denk- und Handlungsweise der Bank, wie wirtschaftliche Risiken und Chancen in Bauprojekten bewertet und umgesetzt werden, haben uns die Augen geöffnet. Nachhaltige Entwicklungen bedingen immer unterschiedliche Sichtweisen und am Schluss wohl auch einige Kompromisse. Nach dem Eulchhof war der Auftrag der Credit Suisse ein weiteres Schlüsselprojekt für die ganze Immobilienbranche.
«Seit der ersten Lancierung des SNBS wurde eine breite Fachdiskussion über die Nachhaltigkeit von Gebäuden und Arealen geführt. Diese aktive Auseinandersetzung hat die Akzeptanz für die Nachhaltigkeit in der Bau- und Immobilienbranche stark vorangebracht.»
Ein weiteres Projekt war die Lancierung des «Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz» (SNBS), im Jahr 2013. An dieser Entwicklung waren Amstein + Walthert und insbesondere Sie massgeblich beteiligt. Welchen Ursprung hatte der SNBS?
Der SNBS war ein Herzensprojekt von mir. Nach der Lancierung des Minergie-Labels im Jahr 2000, kamen weitere Gütesiegel auf den Markt, beispielsweise DGNB, LEED oder BREEAM. Die vielen Labels, insbesondere die internationalen Zertifizierungen, waren für die kleine Schweiz schwierig. Gleichzeitig verfügten wir in unserem Land über gute normative und gesetzliche Grundlagen. Deshalb war es dem Bundesamt für Energie und verschiedenen Fachpersonen ein Anliegen, einen eigenen, auf die schweizerischen Bauvorschriften abgestützten Standard zu entwickeln. Mit dem Ziel, die Kräfte in den Bereichen Energie und Nachhaltigkeit zu bündeln, wurde der Verein «Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz» (NNBS) gegründet. Amstein + Walthert war Mitbegründerin des Vereins und unterstützte diesen auch finanziell stark. Ich war technischer Sekretär an der Seite des Geschäftsführers und durfte die Etablierung und Weiterentwicklung des Standards technisch unterstützen.
Inwiefern hat das SNBS die Bau- und Ingenieurbranche im Laufe der Jahre verändert?
Der SNBS bewirkte eine Standardisierung und definierte die Kriterien des kostengünstigen, energieeffizienten und CO2-armen Bauens nach Schweizer Vorgaben. Seit der ersten Lancierung des SNBS wurde eine breite Fachdiskussion über die Nachhaltigkeit von Gebäuden und Arealen geführt. Diese aktive Auseinandersetzung hat die Akzeptanz für die Nachhaltigkeit in der Bau- und Immobilienbranche stark vorangebracht.
Neben den genannten Projekten engagierten Sie sich auch lange für das Forum Energie Zürich (FEZ), von dem Sie 1996 – 2011 Geschäftsführer waren. Das FEZ wird dieses Jahr 40 Jahre alt. Wie blicken Sie auf die Entwicklung des FEZ?
Mit dem FEZ – ursprünglich Energieberaterverein, welcher kurz nach der AKW-Katastrophe von Tschernobyl gegründet wurde – wollten einige engagierte Energiefachleute eine Plattform für den fachlichen Austausch schaffen und Weiterbildungen im Bereich Energie anbieten. Diese Idee ist bis heute die Grundlage des FEZ, die Handlungsfelder sind aber viel breiter geworden. Die effiziente Verwendung erneuerbarer Energien und das nachhaltige Bauen generell entwickeln sich schnell weiter. Deshalb ist es wichtig, dass ein Fachverein die aktuellen Themen verfolgt und für seine Mitglieder aufarbeitet. Ich bin mir sicher: Das FEZ wird auch in Zukunft einen hohen Stellenwert in der Branche und in der ganzen Schweiz haben.
«Was gebaut wird, wird uns Menschen jahrzehntelang beeinflussen. Da haben wir Baufachleute – und dazu zähle ich auch die Gebäudetechniker:innen – eine grosse, aber auch schöne Verantwortung.»
Sie arbeiteten über 20 Jahre bei Amstein + Walthert. Heutzutage bleiben Mitarbeitende einem Arbeitgeber selten so lange treu. Was hat Sie bei A+W gehalten?
Amstein + Walthert hat mir sehr viele Entfaltungsmöglichkeiten geboten. Ich konnte viele Projekte selbstständig akquirieren und als Projektleiter bearbeiten. Des Weiteren konnte ich viele Entwicklungsprojekte aufgleisen, beispielsweise die «Nachhaltigkeitsbewertung von Schulhäusern» oder den Aufbau des CAS «Energie in der Gebäudeerneuerung» an der FHNW, bei dem ich auch als Dozent agierte. Diese Rahmenbedingungen waren sehr motivierend und gaben mir nie Anlass, das Unternehmen zu verlassen.
Wie blicken Sie heute auf Amstein + Walthert?
Amstein + Walthert ist insbesondere im Bereich der Digitalisierung vorne dabei, sei es durch die Anwendung von BIM oder die Neugründung der Firma icccon 2023, die einen ihrer Schwerpunkte auf das Immobiliendatenmanagements setzt. Was ich nach wie vor sehr schätze, ist der enorme Effort, den A+W in die Aus- und Weiterbildung setzt, zum Beispiel durch das interne Weiterbildungsangebot im Rahmen der A+W University oder durch das umfassende Lehrlingswesen. Das erachte ich als nicht selbstverständlich.
Welche Erkenntnisse aus Ihrer langjährigen Erfahrung würden Sie heutigen Energie- und Nachhaltigkeitsberater:innen mitgeben?
Absolut zentral ist für mich das Interesse an gesellschaftlichen und architektonisch-städtebaulichen Fragen. Gebäude, Areale und die dazugehörende Infrastruktur sind relevante Elemente mit einem grossen Einfluss auf eine gesunde und diversifizierte gesellschaftliche Entwicklung. Was gebaut wird, wird uns Menschen jahrzehntelang, im besten Fall positiv, beeinflussen. Da haben wir Baufachleute – und dazu zähle ich auch die Gebäudetechniker:innen – eine grosse, aber auch schöne Verantwortung.
Wie sehen Sie die Zukunft des nachhaltigen Bauens?
In etwa 10 bis 15 Jahren werden Gas und Öl aus dem Gebäudebereich verschwunden sein und auch die Mobilität wird zu einem grossen Teil elektrisch erfolgen: Damit ist ein erster zentraler Meilenstein der Schweizer Umweltpolitik erreicht. Es bleiben jedoch weitere grosse Herausforderungen wie die graue Energie, die Dekarbonisierung der Industrie, das zirkuläre Bauen, die dezentrale Elektrizitätsproduktion oder das Wassermanagement. Die Arbeit wird zukünftigen Fachkräften nicht ausgehen.
Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute Andreas Baumgartner.
Die Energie der Zukunft: A+W im Gespräch mit ehemaligen Wegbereiter:innen
2027 feiert die Amstein + Walthert Gruppe ihr 100-jähriges Jubiläum. Im Rahmen der diesjährigen Nachhaltigkeitskampagne wagen wir einen Blick in die Vergangenheit und lassen ehemalige Mitarbeiter:innen zu Wort kommen, die in den letzten Jahrzehnten das Thema Nachhaltigkeit wesentlich mitgestaltet und geprägt haben. Sie analysieren die Entwicklung von Amstein + Walthert und der Energiebranche und erörtern verschiedene Fragestellungen. Den Auftakt machte Marianne Zünd.

