Amstein + Walthert Genf feiert dieses Jahr ihr 40. Jubiläum. In den Achtzigerjahren hatte A+W Genf rund ein Dutzend Mitarbeitende, heute zählt der Standort 120 Expert:innen. Massgeblich zu dieser positiven Entwicklung beigetragen haben die beiden ehemaligen Geschäftsführer Pierre-Henri Schmid (1981 – 2008) und Matthias Achermann (2008 – 2023). Welche Faktoren für das erfolgreiche Bestehen auf dem umkämpften Genfer Markt ausschlaggebend und mit welchen Herausforderungen sie konfrontiert waren und welche Rolle auch die künstliche Intelligenz im Bereich Nachhaltigkeit spielt, haben sie uns in einem gemeinsamen Gespräch erzählt.
Herr Schmid, wir machen eine Zeitreise. Nehmen Sie uns mit in die Anfangsjahre von Amstein + Walthert in Genf. Wie kam es zur Eröffnung des zweiten Standorts in der Westschweiz?
S.: Ich habe 1969 in Lausanne, damals noch bei Brauchli + Amstein, begonnen. Genf war zu dieser Zeit bereits ein internationaler, pulsierender Wirtschaftsstandort mit viel Potenzial. Gleichzeitig war es ein sehr lokaler Markt, der sich kulturell deutlich von Lausanne unterschied. Um die Region Genf erfolgreich erschliessen zu können, war es deshalb wichtig, mit einem Büro vor Ort präsent zu sein sowie ein Verständnis und ein Gespür für die Genfer:innen und ihre Kultur zu haben. 1981 kam Herr Rudolf Amstein auf mich zu und beauftragte mich mit der Eröffnung des Standorts Genf. Ich nahm diese Herausforderung gerne an.
Wie gestalteten sich die Anfangsjahre von A+W Genf?
S.: Wir haben klein angefangen: Zu Beginn waren es meine Telefonistin und ich, etwas später stiess der Zeichner Daniel Kramer zu uns. Wir zählten bald sieben oder acht Mitarbeitende. Damals boten wir allerdings nur Dienstleistungen in den Bereichen Sicherheit und Elektrotechnik an. Der Ausbau zu einem multidisziplinären Unternehmen war dann auch eine meiner grössten Aufgaben. Als kleines Ingenieurbüro waren wir auf das Know-how und die Erfahrung von Amstein + Walthert in Zürich angewiesen, um Aufträge zu erfüllen und unsere Services auszubauen. Ich ging daher regelmässig nach Zürich und eignete mir viele neue Kenntnisse an, die ich anschliessend in Genf einbrachte.
Darüber hinaus war die Konkurrenz gross. Dennoch gelang es uns, grosse Aufträge, beispielsweise für die UNO, die WHO und das Bureau international du Travail, auszuführen.
«Herr Walthert war ein Visionär und stellte die Weichen für die heutige Amstein + Walthert Gruppe.»
Welche Ereignisse waren für die positive Geschäftsentwicklung von A+W Genf zentral?
S.: Zum einen stiess 1982 Roland Walthert zum Unternehmen. Herr Walthert war ein Visionär. Er kam mit neuen Ideen und brachte seine ganze Passion in die Weiterentwicklung des Unternehmens ein. In meinen Augen stellte er die Weichen für die heutige Amstein + Walthert Gruppe. Unter seiner Führung haben wir die ersten Computer angeschafft und waren dadurch der Konkurrenz um etwa zehn Jahre voraus.
Zum anderen haben wir 1985/1986 einen grossen Auftrag vom Staatsrat von Genf erhalten: Der Kanton Genf suchte für den Ausbau des neuen IT-Netzwerks seines gesamten Gebäudeparks ein geeignetes Ingenieurbüro – eine unglaubliche Chance für uns! Wir bewarben uns, obschon die Expertise damals noch bei unseren Kolleg:innen in Zürich lag. Der Kanton legte grossen Wert darauf, dass die Wertschöpfung in der Region blieb. Es war daher notwendig, dass wir uns von Zürich lösten. So wurde 1986 aus dem Büro Genf die Amstein + Walthert Genève SA.
Mit welchen Herausforderungen sahen Sie sich konfrontiert?
S.: Eine Herausforderung, die mich während meiner ganzen Tätigkeit begleitete, war die Rekrutierung geeigneter Fachkräfte. Geholfen haben mir meine guten Menschenkenntnisse. Auf dieser Grundlage habe ich mich auch für Matthias Achermann und Corentin Maucoronel, den heutigen Geschäftsführer von Amstein + Walthert Lyon SAS, entschieden. Ich bildete viele junge Fachleute aus, einige verliessen uns zu meinem anfänglichen Ärger nach einiger Zeit leider wieder. Später realisierte ich, dass uns diese Kontakte wertvolle, langjährige Kundenbeziehungen ermöglichten.
Bis zu Ihrem Ruhestand haben Sie A+W Genf zu einem erfolgreichen Standort ausgebaut. Was war Ihr Erfolgsrezept?
S.: Ich denke, zum einen gelang es mir, ein unabhängiges Unternehmen in Genf aufzubauen und so auf die lokalen Bedürfnisse reagieren zu können. Wir waren nicht mehr ein Unternehmen aus Zürich, sondern ein ortsansässiges Ingenieurbüro. Dies brachte uns grosse Akzeptanz und somit auch Aufträge. Zum anderen hatten wir ein familiäres Miteinander, feierten Erfolge gemeinsam, gingen aber auch die Herausforderungen gemeinsam an. Ich erkannte die Stärken von Menschen und liess ihnen gerne den Freiraum, damit sie sich entfalten konnten. Dies kam dem Unternehmen zugute.
Herr Achermann, Sie waren seit 2002 bei A+W Genf tätig und haben 2008 die Geschäftsführung übernommen, die Sie bis 2023 innehatten. Wie entwickelte sich ihr Aufgabenbereich?
A.: Zu dieser Zeit arbeitete Amstein + Walthert Genf noch daran, das Leistungsangebot auf sämtliche Bereiche der Gebäudetechnik auszuweiten und HLK zu integrieren. Dies entsprach meiner Überzeugung, dass ein gesamtheitlicher Ansatz verfolgt und die einzelnen Fachbereiche miteinander vernetzt werden sollten. Das gesamte Know-how in einem Ingenieurbüro vereint, erleichtert die Arbeit und bringt Wettbewerbsvorteile mit sich. Ich bekam die Möglichkeit, den HLK-Bereich als Projektleiter und später als Bereichsleiter aufzubauen. Darüber hinaus qualifizierten mich meine Sprachkenntnisse – Deutsch, Französisch und Englisch – dafür, als wichtige Schnittstelle zur Deutschschweiz zu agieren und unterstützten die Zusammenarbeit mit internationalen Kund:innen zu unterstützen.
Ursprünglich wollte ich nur zwei Jahre in Genf in einem Ingenieurbüro tätig sein und anschliessend ins Ausland gehen. Allerdings gefielen mir die Atmosphäre und die beruflichen Perspektiven so sehr, dass ich meine Auslandpläne nicht mehr weiterverfolgte.
Wie gestaltete sich der Genfer Markt zu dieser Zeit?
A.: Gleichzeitig mit meinem Start in Genf verschärfte der Kanton Genf das kantonale Energiegesetz. Von da an war es bei der Baueingabe von grösseren Gebäuden Pflicht, ein Energiekonzept einzureichen. Es entstand ein neuer Bedarf auf dem Markt, für den viele Büros noch kein entsprechendes Angebot hatten. Wir hingegen hatten bereits ein eigenes Energie-Team, mein Know-how aus der Gebäudesimulation meiner vorherigen Tätigkeit sowie jenes unserer Deutschschweizer Standorte. So konnten wir einerseits den Kanton dabei unterstützen, die Richtlinien und Vorgaben für das Energiekonzept zu formulieren und gleichzeitig unsere Kund:innen bei der Baueingabe begleiten. Damals gingen wir sprichwörtlich von Tür zu Tür, um uns und unsere Kompetenzen vorzustellen – das zahlte sich aus.
Nach relativ kurzer Zeit bei Amstein + Walthert Genf haben Sie 2008 die Geschäftsführung übernommen. Wie kam es dazu?
A.: Kurz vor meinem Urlaub, sprach mich Pierre-Henri Schmid an und meinte, ich solle mir während meiner Ferien überlegen, ob ich die Geschäftsleitung übernehmen möchte. Die Voraussetzungen waren gut, denn Pierre-Henri Schmid hatte A+W Genf zu einem renommierten Ingenieurbüro aufgebaut. Gleichzeitig absolvierte ich einen EMBA und eignete mir relevante Management-Kenntnisse an. Der Verwaltungsrat folgte der Empfehlung von Pierre-Henri Schmid. So durfte ich bereits früh diese Chance ergreifen und den Standort Genf über viele Jahre hinweg im Vertrauen des Verwaltungsrats führen.
Nach welchen Grundsätzen führten Sie?
A.: Mir war es wichtig, ein gutes Arbeitsumfeld zu schaffen. Die Mitarbeiter:innen sind unsere wichtigste Ressource und das höchste Gut eines Unternehmens. Ihnen muss Sorge getragen werden. Diesen humanen Ansatz, mit welchem bereits Pierre-Henri Schmid geführt hatte, habe ich mir zu Herzen genommen.
«Der Auftrag der IUCN war ein Schlüsselprojekt für A+W Genf und machte uns zum Marktleader im nachhaltigen Bauen.»
Welche Rolle spielte zu dieser Zeit die Nachhaltigkeit?
A.: Eine zentrale Rolle. Der Kanton Genf ist sehr umweltbewusst und setzte sich – ähnlich wie der Kanton Zürich – relativ früh mit dieser Thematik auseinander. Hinzu kam, dass sich die in Genf ansässigen internationalen Organisationen zunehmend für die Thematik interessierten. So konnten wir beispielsweise einen Auftrag für die IUCN (Internationale Union zur Bewahrung der Natur) ausführen. Ihr Gebäude wurde mit mehreren international anerkannten Nachhaltigkeitslabels ausgezeichnet. Für uns war es ein Schlüsselprojekt, welches uns zum Marktleader im nachhaltigen Bauen machte.
Genauso wie in der Deutschschweiz spielten die Labels nach ihrer ersten Lancierung eine wichtige Rolle auf dem Markt. Allerdings wurden oftmals spezifische Labels für die Westschweiz entwickelt.
Amstein + Walthert Genf feiert dieses Jahr das 40-jährige Jubiläum. Wie ist Ihrer Meinung nach A+W Genf heute in der Branche positioniert? Auch im Bereich der Nachhaltigkeit?
A.: A+W Genf ist aus meiner Sicht sehr gut positioniert und eine der stabilsten Akteurinnen der Branche. Sie hat die grosse Chance, einen konstanten Player auf dem Markt zu sein, dessen hohe Qualität konsistent ist und regelmässig Innovationen hervorbringt. A+W Genf ist eine lokale Akteurin, die Grossprojekte seriös abwickeln kann, und dafür bekannt, dass die Mitarbeiter:innen, die ein Projekt beginnen, dieses auch abschliessen. Diese Konsistenz ist ein zentraler Erfolgsfaktor. Darüber hinaus ist A+W Genf eine durchaus attraktive Arbeitgeberin.
Was die Nachhaltigkeit betrifft, beobachte ich derzeit zwei Entwicklungen: Einerseits nimmt die Nachfrage nach Büros zu, die ausschliesslich Dienstleistungen in diesem Bereich anbieten. Andererseits ist eine gewisse Abschwächung des allgemeinen Fokus auf dieses Thema spürbar. Beide Tendenzen stellen Herausforderungen dar. Grundsätzlich verfügt A+W Genf jedoch über das nötige Know-how im eigenen Haus.
«Wir sollten die künstliche Intelligenz nicht überschätzen und das selbstständige Denken unbedingt beibehalten.»
Die künstliche Intelligenz kommt auch vermehrt in unserer Branche zur Anwendung. Wie schätzen Sie den Einfluss von KI auf den Bereich Nachhaltigkeit ein?
S.: Wenn wir alles der künstlichen Intelligenz überlassen, wie es heute manchmal den Anschein macht, kommt es nicht gut. Wir sollten die künstliche Intelligenz nicht überschätzen und das selbstständige Denken unbedingt beibehalten. Zu viel Technologie kann eine Sache auch unnötig verkomplizieren und vom Wesentlichen ablenken.
A.: Das sehe ich auch so. Ich bin davon überzeugt, dass wir bei der Nachhaltigkeit in Richtung Lowtech gehen müssen. Wir können die KI nutzen, um uns zu unterstützen und uns zeitliche Ressourcen freizuschaufeln. So könnten wir in Zeiten des Fachkräftemangels den Fokus stärker auf das Engineering legen und den administrativen Aufwand minimieren.
Des Weiteren müssen wir auch immer berücksichtigen, dass Automatisierungen auch Energie benötigen und Kosten verursachen. Fallen diese höher aus als der erzielte Nutzen, ist es der falsche Weg. Das Engineering müssen wir den Menschen überlassen. Wir dürfen nicht erwarten, dass die KI uns die Lösungen für mehr Nachhaltigkeit präsentiert.
Vielen Dank für das Gespräch. Ich wünsche Ihnen alles Gute für die Zukunft!
Die Energie der Zukunft: A+W im Gespräch mit ehemaligen Wegbereiter:innen
2027 feiert die Amstein + Walthert Gruppe ihr 100-jähriges Jubiläum. Im Rahmen der diesjährigen Nachhaltigkeitskampagne wagen wir einen Blick in die Vergangenheit und lassen ehemalige Mitarbeiter:innen zu Wort kommen, die in den letzten Jahrzehnten das Thema Nachhaltigkeit wesentlich mitgestaltet und geprägt haben. Sie analysieren die Entwicklung von Amstein + Walthert und der Energiebranche und erörtern verschiedene Fragestellungen. Bereits erschienen sind die Interviews mit Marianne Zünd und Andreas Baumgartner.


