Veronika Sutter war während zwölf Jahren bei Amstein + Walthert tätig und hat zentrale Nachhaltigkeitsthemen mit viel Engagement geprägt. Im Interview blickt sie auf ihre Arbeit rund um Novatlantis, die Energiestadtberatung und das Forum Energie Zürich zurück. Sie spricht über die hoch aktuellen Themen Klimaschutz, klimaangepasste Aussenräume und die Bedeutung von Resilienz in der Planung. Dabei zeigt sich, wie Amstein + Walthert neue Themen früh erkannt und Innovationsgeist gefördert hat. Ein Gespräch über Weitblick und die Frage, was nachhaltiges Bauen künftig leisten muss.
Sie sind studierte Umweltwissenschafterin und arbeiten seit jeher bei oder mit öffentlichen Verwaltungen in den Bereichen Klima, Umwelt und Energie. Wie ist es dazu gekommen?
Mich hat das breite Themenfeld interessiert. Ich wollte mich im Studium nicht auf Biologie oder Chemie beschränken. Mit Umweltnaturwissenschaften konnte ich meine breitgefächerte Neugier stillen. Der Fokus auf die öffentliche Hand ergab sich, als ich bei der Stadt Langenthal die Fachstelle Umwelt und Energie leitete und für das breite Themenfeld verantwortlich war.
Von 2008 bis 2020 waren Sie bei der Amstein + Walthert AG in Zürich tätig. Wie erinnern Sie sich an diese Zeit? Welche Aufgaben und Verantwortungen haben Sie übernommen?
Als ich bei Amstein + Walthert (A+W) anfing, war ich stark in das Projekt Novatlantis – Nachhaltigkeit im ETH-Bereich – involviert. Ich konnte in allen Themenfeldern mitwirken, von der Kommunikation bis zur Vermittlung von Forschungsprojekten. Amstein + Walthert agierte als Türöffnerin zwischen der ETH und den Praxispartnern der Städte Zürich, Genf und Basel: Einerseits konnten bei uns Hochschulen ihre Projektideen platzieren und wir suchten Städte, die diese umsetzen wollten. Andererseits halfen wir Städten mit konkreten Forschungsfragen geeignete Forschungspartner zu finden.
«Früher lag der Fokus auf dem Klimaschutz, heute müssen wir uns auch an das Klima anpassen.»
Wo sehen Sie heute die sichtbarsten Erfolge der Arbeit von Novatlantis und dem Label Energiestadt – und wo besteht weiterhin Handlungsbedarf?
Novatlantis steht für die 2000-Watt-Gesellschaft. Aus den drei Pilot- und Partnerregionen entwickelte sich ein nationaler Ansatz, der später über EnergieSchweiz beim Label «Energiestadt» aufgenommen wurde. Ziel war es, dass alle Energiestädte die 2000-Watt-Gesellschaft als energiepolitische Zielsetzung verankern und danach handeln. Amstein + Walthert spielte mit ihren Energiestadtberater:innen und später mit der Fachstelle 2000-Watt-Gesellschaft bzw. Netto-Null eine zentrale Rolle.
Früher lag der Fokus auf dem Klimaschutz, heute müssen wir uns auch an das Klima anpassen, das zeigt uns der diesjährige Sommer deutlich: Wir müssen unseren Energiebedarf und die Treibhausgasemissionen reduzieren. Gleichzeitig ist es notwendig, auf das sich verändernde Klima zu reagieren. Wir brauchen daher Klimaschutz UND Klimaanpassung. Ein Umdenken und das Eingeständnis, dass Klimaschutz allein nicht ausreicht, sind Voraussetzungen dafür.
Ab 2010 waren Sie als Energiestadtberaterin tätig. Welche Herausforderungen musste A+W überwinden?
In der Arbeit mit Gemeinden habe ich schnell gemerkt, dass ein:e Fahnenträger:in notwendig ist, um ein Projekt voranzutreiben. Es steht und fällt mit engagierten Personen. Sobald wir den:die Gemeindepräsident:in beispielsweise von der Notwendigkeit einer Energieplanung überzeugt hatten, war es einfacher, das Projekt voranzubringen. Als ehemalige Ansprechperson auf der Gemeindeseite wusste ich, vor welchen Herausforderungen Gemeinden, der Gemeinderat oder Verwaltungsmitarbeitende stehen und konnte als Energiestadtberaterin entsprechend Unterstützung bieten.
«Als Geschäftsführerin des FEZ fand ich bei A+W einen wichtigen Ausgangspunkt, um relevante Themen aufzuspüren.»
2012 haben Sie die Geschäftsführung des Forums Energie Zürich (FEZ) von Andreas Baumgartner übernommen. Welche Rolle spielte A+W als Netzwerkpartnerin und Impulsgeberin in dieser Zeit?
Bei A+W übernahm ich die Geschäftsführung des FEZ im Mandat. Besonders wertvoll war der Zugang zum internen Fachwissen. So konnte ich mit hauseigenen Spezialist:innen über Bereiche wie Energie + Klima, HLKS, Elektroplanung oder nachhaltiges Planen und Bauen diskutieren und relevante Schwerpunkte finden. A+W war damit ein wichtiger Ausgangspunkt, um Themen aufzuspüren, fachlich einzuordnen und in den Vorstand beziehungsweise ins Netzwerk des Forums Energie Zürich zu tragen.
Welche strategischen Ziele haben Sie verfolgt?
Eines meiner zentralen Ziele war, die Verbindung zwischen Architektur und Gebäudetechnik zu stärken und das gegenseitige Verständnis zu fördern. Energie, Energieeffizienz und nachhaltiges Bauen standen im Fokus. Die Veranstaltungen boten sowohl für Architekt:innen als auch für Gebäudetechniker:innen relevante Inhalte. Ich brachte zusätzlich Anforderungen und Anliegen der Landschaftsarchitektur ein und förderte den gegenseitigen Austausch. Zentral war für mich immer auch der Austausch im Netzwerk: Veranstaltungen dienten nicht nur der Weiterbildung, sondern auch der persönlichen Kontaktpflege.
Welche Bedeutung hat das FEZ Ihrer Ansicht nach heute für die Branche – auch im Zusammenspiel mit Ingenieurbüros?
In meinen Augen ist das FEZ eine agile Organisation, die auch in schwierigen Phasen schnell reagieren kann – das zeigte sich etwa beim Umstellen auf Online-Veranstaltungen während der Coronapandemie.
Das FEZ lebt vom persönlichen Austausch. Trotz wachsender Konkurrenz auf dem Veranstaltungsmarkt ist das Forum Energie Zürich aufgrund seiner Geschichte, seiner Erfahrungen und seines bestehenden Netzwerks gut positioniert. Für Ingenieurbüros bleibt es wichtig, weil es Weiterbildungen und Begegnungen über Fachgrenzen hinweg ermöglicht und kurze praxisorientierte Angebote bereithält, die aktuelle Themen aufnehmen.
Sie haben das noch «junge» Themenfeld Klimaanpassung bei A+W aufgebaut. 2019 haben Sie den ersten A+W Innovation Award mit Ihrer Eingabe «Klimaangepasste Aussenräume» gewonnen. Welche Voraussetzungen hat A+W damals geboten, um dieses damals noch wenig etablierte Thema voranzutreiben und Innovationen zu fördern?
A+W war offen dafür, neue Themen aufzunehmen, die nicht klassisch zu einem Ingenieurunternehmen passten. Nur deswegen war es möglich, dass ich mit dieser Thematik den Innovation Award gewonnen habe. Bereits damals hat A+W erkannt, dass Klimaanpassung mit mehr Grün und Blau statt Grau Potenzial hat. Durch den Innovation Award erhielt das Thema innerhalb des Unternehmens mehr Sichtbarkeit. Es wurden mir Zeit und Ressourcen zur Verfügung gestellt, um Dienstleistungen zu entwickeln. Dabei konnte ich auch auf fachliche Unterstützung im Bereich des Innovationsmanagements zählen.
Welche Rolle spielte A+W bei der Verankerung von Themen wie Biodiversität und klimaangepasste Aussenräume in der Praxis?
Amstein + Walthert ermöglichte es, aus den Themenfeldern konkrete Mandate und Projekte zu generieren. Ich entwickelte beispielsweise einen Leitfaden zu klimaangepassten Freiräumen für EnergieSchweiz und zeigte beim Massnahmenkatalog von Energiestadt auf, wie Klimaanpassung verankert werden kann. Für den Standard Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS) konnte ich das Kriterium «Flora und Fauna» zur Förderung der Biodiversität aufbauen. A+W bot auch das Netzwerk, um bei der Sensibilisierungs- und Kommunikationsarbeit mitzuwirken und so die grüne Branche mit der Architekturwelt und der Gebäudetechnik etwas näher zusammenzubringen.
«Die Branche muss antizipieren, wie das Klima 2060 aussehen wird und was Gebäude und Aussenräume dann leisten müssen.»
Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Fortschritte – und wo braucht es heute noch mehr Engagement in der Branche?
Wichtige Fortschritte sind, dass Klimaanpassung und Klimaschutz heute stärker zusammengedacht werden. Der Aussenraum beeinflusst das Innenraumklima: Studien zeigen, dass stark begrünte Aussenräume den Klimakältebedarf im Innenraum reduzieren.
Wie uns auch der aktuelle Hitzesommer aufzeigt, braucht es mehr Engagement in der Umsetzung und im Umgang mit Ressourcen. Wasser als Beispiel: Regenwasser soll verdunsten, versickern oder zurückgehalten und für die Bewässerung von Pflanzen genutzt werden können. Gleichzeitig gilt es Lösungen zu finden, um das Trinkwasser mehrfach zu verwenden. Hier ist die Sanitärplanung gefragt. Der Kreislaufgedanke muss im Zentrum stehen. Die Branche muss antizipieren, wie das Klima 2060 aussehen wird und was Gebäude und Aussenräume dann leisten müssen.
Insgesamt waren Sie 12 Jahre bei Amstein + Walthert tätig. Wie konnten Sie sich in dieser Zeit fachlich weiterentwickeln?
Besonders prägend war für mich, dass das Unternehmen nicht in Silos denkt, sondern bereit ist, über das Gebäude hinauszuschauen. A+W hat mir Rahmenbedingungen geboten mich fachlich weiterzubilden: Ich habe das CAS «Natur und Siedlungsraum» absolviert. Das war für mich die Initialzündung, das Thema Klimaanpassung mit mehr Grün und Blau statt Grau zu verfolgen und ein neues Dienstleistungsangebot zu entwickeln. Und nicht zuletzt ermöglichte A+W mir die Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf – die Grundlage, um alles unter einen Hut zu bringen.
2020 haben Sie Amstein + Walthert verlassen. Sie sind jedoch in der Branche geblieben und haben die weitere Entwicklung von A+W sicherlich mitverfolgt. Wofür steht A+W aus Ihrer Sicht innerhalb der Branche heute und wie hebt sich das Unternehmen von der Konkurrenz ab?
A+W steht aus meiner Sicht für eine grosse fachliche Breite, Praxisnähe und die Fähigkeit, strategische und konzeptionelle Themen mit konkreter Planung und Umsetzung zu verbinden.
In der Branche ist das Unternehmen sehr präsent. A+W beziehungsweise ihre Vertreter:innen sind immer wieder anzutreffen – in Bauprojekten, Fachstellen, Studien oder als Referierende an Fachveranstaltungen. A+W ist in einer guten Position, Entscheidungen mitzugestalten und die nachhaltige Entwicklung unserer Städte, Gemeinden und Gebäude mitzuprägen.
Welche Erkenntnisse aus Ihrer langjährigen Erfahrung würden Sie heutigen A+W Mitarbeitenden und allgemein Energie- und Nachhaltigkeitsberater:innen mitgeben?
Wichtig ist, Resilienz mitzudenken und Unabhängigkeit zu fördern: Gebäude, die wir heute bauen, müssen auch 2060 noch funktionieren. Deshalb ist es notwendig, das zukünftige Klima in der heutigen Planung zu berücksichtigen. Ebenso zentral ist die Reduktion der Treibhausgasemissionen– auch jener der Gebäudetechnik. Gleichzeitig gilt es bekanntlich, die Abhängigkeit von krisenanfälligen Weltregionen zu reduzieren und stattdessen Energie, die wir vor Ort nutzen können, beispielsweise Erdwärme oder Solarenergie, zu berücksichtigen, um den Weg in Richtung Netto Null gehen zu können. Unabhängig sein ist auch in Bezug auf das Wasser zentral. Regenwasser vor Ort zu halten und für Bewässerung einzusetzen, ist die Voraussetzung dafür, dass unsere Begrünungsmassnahmen gegen Hitze wirken. Klimaschutz und Klimaanpassung sind Grundstein für eine lebenswerte Zukunft.
Vielen Dank für das spannende Gespräch. Wir wünschen Ihnen alles Gute für die Zukunft.
Die Energie der Zukunft: A+W im Gespräch mit ehemaligen Wegbereiter:innen
2027 feiert die Amstein + Walthert Gruppe ihr 100-jähriges Jubiläum. Im Rahmen der diesjährigen Nachhaltigkeitskampagne wagen wir einen Blick in die Vergangenheit und lassen ehemalige Mitarbeiter:innen zu Wort kommen, die in den letzten Jahrzehnten das Thema Nachhaltigkeit wesentlich mitgestaltet und geprägt haben. Sie analysieren die Entwicklung von Amstein + Walthert und der Energiebranche und erörtern verschiedene Fragestellungen. Bereits erschienen sind die Interviews mit Marianne Zünd und Andreas Baumgartner sowie das Doppelinterview mit Matthias Achermann und Pierre-Henri Schmid.


