Nachhaltige Entwicklung beginnt mit Pioniergeist: Ein Gespräch mit Adrian Altenburger und Urs-Peter Menti

Im Rahmen der Nachhaltigkeitskampagne 2026 haben wir mit den ehemaligen Mitarbeitern Prof. Adrian Altenburger und Prof. Urs-Peter Menti über ihre Zeit bei Amstein + Walthert gesprochen. Die heutigen Co-Leiter des Instituts für Gebäudetechnik und Energie der HSLU blicken zurück auf prägende Entwicklungen, wegweisende Projekte und eine Unternehmenskultur, die Amstein + Walthert zu einer wichtigen Akteurin im Bereich des nachhaltigen Bauens macht. Dabei zeigen sie auf, wie Innovationsgeist, Fachwissen und Weitsicht bis heute zukunftsfähige Lösungen in der Branche hervorbringen.

 

Herr Menti, Sie haben 1995 an der ETH Zürich Ihr Studium als Maschineningenieur abgeschlossen und anschliessend direkt bei der Amstein + Walthert AG in Zürich als Projektleiter begonnen. Wie haben Sie damals die Ingenieurbranche und A+W wahrgenommen?

Menti: In der Energiebranche spürte ich eine Aufbruchstimmung: Zehn Jahre zuvor durchlebten wir, ausgelöst durch die AKW-Katastrophe in Tschernobyl, eine Energiekrise. Diese Entwicklung führte zu ersten Energiesparprogrammen des Bundes zum Wissensaufbau, zur Lancierung des Forschungsprojekts Novatlantis und zu einer wachsenden Offenheit fortschrittlicher Bauherrschaften gegenüber Energieeffizienz – nicht zuletzt wurde in dieser Zeit Minergie geboren. Kurz: Es lag Pionier-Feeling in der Luft. 

Bei Amstein + Walthert gab es eine Energiegruppe, welche insbesondere von Hansjürg Leibundgut vorangetrieben wurde. Zu dieser Zeit hatte A+W rund 160 Mitarbeitende und vergleichsweise wenige Standorte. Es war bereits damals ein etabliertes Elektroplanungsunternehmen, welches anspruchsvolle Projekte realisierte. Drei Jahre später kam die Intep AG unter anderem mit Roland Stulz und Andreas Baumgartner dazu, was für A+W ein grosser Schritt im Geschäftsbereich Nachhaltigkeit bedeutete. 

 

Als Senior Consultant und Teamleiter übernahmen Sie bei der Amstein + Walthert AG, Zürich, verschiedene Aufgaben und Beratungstätigkeiten. Unter anderem haben Sie das Thema «Simulationen» aufgebaut. Wie kam es dazu?

Menti: Noch während des Studiums reagierte ich auf eine Anfrage von A+W und wurde für die Themen Tunnellüftungen und Gebäudesimulationen eingestellt. Ich kann mich noch gut an meinen ersten Arbeitstag erinnern, an dem ich eine Kiste gefüllt mit Disketten und vier Bundesordnern Dokumentationen erhielt. Das war der Start in meine Simulationstätigkeit. Das Thema war für alle neu – auch für mich. Es ging in einem ersten Schritt darum, das Werkzeug kennenzulernen und auszuprobieren. Doch bereits nach kurzer Angewöhnungszeit akquirierte Hansjürg Leibundgut den ersten Simulationsauftrag für City West in Bern. Ab dann galt es ernst.

«A+W plante viele anspruchsvolle Bauprojekte, bei denen der Simulationsbedarf gross war.»

Urs-Peter Menti
Co-Institutsleiter u. Forschungsleiter am IGE, ehem. Mitarbeiter Amstein + Walthert AG Zürich

 

War A+W mit diesem Thema anderen Ingenieurunternehmen voraus?

Menti: Ja, damals gab es ein, zwei spezialisierte Simulationsbüros und eine Handvoll Ingenieurbüros, welche dieses Instrument einsetzten. Ich denke aber, bei A+W wurden die Simulationen am intensivsten genutzt. Allein die Grösse und Kompetenz von A+W führten dazu, dass das Unternehmen viele anspruchsvolle Bauprojekte plante. Simulationsbedarf hatten tendenziell grössere Projekte, die alles andere als Standard waren und unkonventionelle Lösungen erforderten. Etwa der Flughafen München, diverse Hochhausprojekte in Frankfurt oder die Tiefgarage des Hotels Hyatt in Zürich.

 

Entstanden dadurch auch Fortschritte im Bereich der Nachhaltigkeit?

Menti: Nachhaltigkeit ist ein breiter Begriff, dem fast alles untergeordnet werden kann. Ich denke, Simulationen haben geholfen, besser zu planen und Fehlinvestitionen zu vermeiden. Im weitesten Sinne sind das auch Aspekte der Nachhaltigkeit. Wir setzten Simulationen aber primär in den Bereichen Energie und Komfort ein.

 

Herr Altenburger, vier Jahre später, 1999, haben Sie als Bereichsleiter Engineering bei der Amstein + Walthert AG in Zürich begonnen. Was hat Sie zu diesem Wechsel bewogen?

Altenburger: Ich war damals direkt nach dem Studium bereits seit rund zehn Jahren bei der Elektrowatt Engineering AG in Zürich und zuletzt in Bangkok tätig. Ein Ingenieurunternehmen, welches u. a. bereits als Gesamtplanerin für Gebäudetechnik (HLKS und Elektroplanung) etabliert war und zum Elektrowattkonzern bzw. zur Kreditanstalt gehörte. Ende der 90er Jahre wurde diese mit allen weiteren Industriebeteiligungen verkauft. Zurzeit meiner Rückkehr aus Asien lernte ich im Rahmen der Veräusserung auch Roland Walthert kennen, denn A+W kaufte die Firma auf. Er wollte bei A+W die Bereiche HLKS und Consulting ausbauen und hat mich für den HLKS-Bereich angefragt. Der Pioniergeist, der bereits damals bei A+W vertreten war, sowie der Wachstumsgedanke als Gesamtplanerin Gebäudetechnik überzeugten mich. Mit dem Kauf ging ein für mich sehr wichtiges Projekt zu Amstein + Walthert über: Das Projekt Dock Midfield des Flughafens Zürich. Es war eines der ersten grossen Gesamtplanungsprojekte von A+W. 

 

Bei A+W haben Sie verschiedene berufliche Stationen durchlaufen und sich in mehreren Gremien engagiert. Welche waren rückblickend die bedeutendsten? 

Altenburger: Ich habe bei A+W als Bereichsleiter und Partner begonnen. Diese Funktionen hatte ich stets beibehalten. Hinzu kamen Tätigkeiten in der Geschäftsleitung und später im Verwaltungsrat. Flankierend gab es noch Engagements in verschiedenen Branchenverbänden. Mein wichtigstes Verbandsengagement war im SIA. Ich durfte dort quasi die Nachfolge von Roland Walthert und Hansjürg Leibundgut antreten, welche beide auch im SIA-Vorstand engagiert waren.

«Besonders interessant war für mich das Dock Midfield am Flughafen Zürich: Durch die Nutzung der Gründungspfähle als Wärmetauscher konnten wir diese innovative geothermische Anwendung auch global erstmals im Hochbau realisieren.»

Adrian Altenburger
Co-Institutsleiter u. Studiengangsleiter am IGE, ehem. Mitarbeiter Amstein + Walthert AG Zürich

 

Welche Themen waren während Ihrer Zeit bei A+W aktuell?

Altenburger: Besonders interessant war für mich das Dock Midfield am Flughafen Zürich. Es gilt als eines der ersten grossen Flughafengebäude weltweit, das geothermische Energie sowohl zum Heizen als auch zum Kühlen nutzte: Die rund 40 Meter tiefen Gründungspfähle wurden dabei zugleich als Wärmetauscher eingesetzt – eine innovative Lösung, die die geothermische Anwendung im Hochbau etablierte und später Eingang in eine SIA-Norm fand. Weitere wichtige Entwicklungsthemen waren die dezentralen Lüftungskomponenten «Luftbox» und «Airbox», welche u. a. an der Andreasstrasse 11 in Oerlikon, wo auch A+W einst eingemietet war, und am Google Hauptsitz auf dem Hürlimann Areal eingebaut wurden, sowie die externe thermoaktive Bauteilaktivierung «Akustiktherm», die erstmals beim SAP-Hauptgebäude in Regensdorf, damals dem grössten Minergiegebäude, eingesetzt wurde.

Menti: Ein wichtiges Thema haben wir noch nicht erwähnt: 1995 war A+W eines der ersten Ingenieurunternehmen, welches nebst Elektroplaner:innen rund zehn HLK-Planer:innen beschäftigte. Damals arbeiteten die beiden Berufsgruppen oft noch an unterschiedlichen Projekten. Doch mit der Zeit begann A+W, Projekte ganzheitlicher zu betrachten. Es kamen weiter Gewerke wie Facility Management und Bauphysik dazu. Heute ist die integrale Planung für grössere Unternehmen selbstverständlich.

«Die Mitarbeitenden hatten die Freiheit, mehr zu wollen, als der Branchenstandard – und dabei auch einmal zu scheitern.»

Urs-Peter Menti
Co-Institutsleiter u. Forschungsleiter am IGE, ehem. Mitarbeiter Amstein + Walthert AG Zürich

Welche Rahmenbedingungen haben Sie bei A+W vorgefunden, die Innovationen besonders begünstigt haben?

Menti: Amstein + Walthert hat eine Innovationskultur gelebt, geprägt von einzelnen Mitarbeitenden, insbesondere aber auch von der Geschäftsleitung. Die Mitarbeitenden hatten die Freiheit, mehr zu wollen als der Branchenstandard – und dabei auch einmal zu scheitern. Es war möglich, bewusst etwas mehr Zeit zu investieren, um neue und bessere Lösungen zu entwickeln. Dieser Pioniergeist war fest in der Kultur verankert und typisch für A+W.

 

Wie hat sich der Umgang mit Klimathemen in der Ingenieurbranche verändert? Welche Rolle spielte A+W in dieser Entwicklung?

Altenburger: Es ist immer eine Frage von «Push and Pull». So betrachtet sehe ich Amstein + Walthert als ein Unternehmen, welches viele Themen und Entwicklungen angestossen hat. Es brachte Themen auf das Parkett, die wiederum von der Politik aufgenommen wurden und in einer Gesetzgebung oder Verordnung endeten.

Menti: Ja, dieser Auffassung stimme ich zu. A+W war eine Vordenkerin. Dennoch würde ich auch sagen, dass in der Ingenieurbranche die Klimathemen schon immer sehr präsent waren, von der Gesellschaft jedoch weniger bewusst wahrgenommen wurden. Vor 30 Jahren musste ich meinen Beruf und dessen Wirkung erklären. Heute ist allgemein bekannt, dass Gebäude, Energie und Gebäudetechnik für die nachhaltige Umwelt relevante Faktoren sind. 
Einen anderen wichtigen Aspekt sehe ich in den verschiedenen Verbandsengagements von Amstein + Walthert: Die Mitarbeitenden haben seit jeher Einsitz in Verbandsvorständen und Gremien, sodass A+W aktiv an der Ausgestaltung der Rahmenbedingungen der Ingenieursbranche mitwirkt. Dadurch übernimmt A+W Verantwortung.

 

Sie sind heute beide an der Hochschule Luzern tätig. Sowohl damals wie auch heute war und ist Ihr Tätigkeitsbereich die Energie- und Gebäudetechnik. Gleichzeitig stellt uns die Klimaveränderung vor neue Herausforderungen. Wie haben sich im Laufe der Jahre die Schwerpunkte Ihrer Arbeit verändert?

Altenburger: Urs-Peter Menti und ich haben die Co-Leitung für das Institut für Gebäudetechnik und Energie. Er leitet die Forschung und ich den Studiengang. Das Curriculum können wir nicht von Jahr zu Jahr anpassen, aber wir können selbstverständlich eine langfristige Richtung vorgeben. In dieser spielen die heutigen und zukünftigen Herausforderungen eine Rolle. Darüber hinaus unterstützen wir die kontinuierliche Weiterbildung der Dozierenden. In einer Studie des Bundesamts für Umwelt zum Thema Nachhaltigkeit in allen baunahen Studiengängen der Schweiz haben wir sehr gut abgeschnitten. 

Menti: Vor 20 Jahren hatten wir in der Branche ein grosses Thema: Energie. Heute ist es differenzierter und es wird über die verschiedenen Dimensionen der Nachhaltigkeit, über Treibhausgasemissionen und vieles mehr gesprochen.

 

Haben sich die Erwartungen der Studierenden an die Ausbildungen verändert?

Altenburger: Ja, natürlich haben sich die Studierenden verändert, denn die Gesellschaft hat sich auch gewandelt. Die junge Generation hat andere Präferenzen, wie sie ihr Leben gestalten möchte. Sich für das Studium zu entscheiden, ist eine Verpflichtung, die die jungen Leute bereits früh eingehen müssen. Ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Entscheid heutzutage noch schwieriger ist, da das Angebot gewachsen ist. Auch der Unterricht ist heute dynamischer. Bei uns – ich habe es noch erlebt – bestand das Studium überwiegend aus Frontalunterricht. Heute ist der Austausch zwischen Studierenden und Dozierenden viel intensiver. Darüber hinaus hat das Teilzeitstudium an Beliebtheit gewonnen.

Menti: Wir müssen den Studierenden nicht mehr primär Wissen vermitteln, denn dieses ist heute jederzeit und in nahezu jeder Tiefe verfügbar. Vielmehr müssen wir sie die kritische Auseinandersetzung und den Umgang mit diesem Wissen lehren. Ich habe zudem festgestellt, dass unsere Bewerber:innen in der Forschung die Sinnhaftigkeit ihres Berufs heute höher gewichten als früher, sie ist oft wichtiger als der Lohn. 

«Das Partnermodell prägt A+W wesentlich und unterscheidet das Unternehmen klar von investorengeführten Firmen.»

Adrian Altenburger
Co-Institutsleiter u. Studiengangsleiter am IGE, ehem. Mitarbeiter Amstein + Walthert AG Zürich

Sie waren beide lange bei Amstein + Walthert tätig. Was hat das Unternehmen aus Ihrer Sicht besonders ausgezeichnet – fachlich, kulturell und als Arbeitgeberin?

Menti: Wie bereits erwähnt, haben mich der Innovationsgeist und die gelebte Fehlerkultur sehr begeistert. Darin sehe ich auch einen Erfolgsfaktor des Ingenieurunternehmens. Des Weiteren habe ich es sehr geschätzt, mich immer wieder weiterbilden zu können, sei es intern an der A+W University oder extern an Tagungen, Kursen oder Weiterbildungsprogrammen. 

Altenburger: A+W ist während meiner Zeit sehr gesund organisch gewachsen und hatte ein starkes Wachstumsdenken im Sinne des «Growth Mindset», welches seinen Ursprung im integralen Ansatz hatte und mich begeisterte. Es wurde eine starke Vertrauenskultur gelebt. Zudem war da diese Neugier, die auf allen Ebenen das Geschäft beflügelte. 
Was ich an dieser Stelle gerne noch erwähnen möchte, ist das Partnermodell von Amstein + Walthert. Die A+W Gruppe ist im Besitz von Mitarbeitenden, die allesamt im Tagesgeschäft tätig sind. Das ist ein besonderes Bekenntnis zur Arbeitgeberin. Diese Besitzstruktur prägt A+W wesentlich und unterscheidet das Unternehmen klar von Firmen, die im Besitz externer Investoren ohne Bezug zum Tagesgeschäft sind.

 

Sie haben bestimmt die Entwicklung von A+W in den letzten Jahren mitverfolgt. Wofür steht A+W aus Ihrer Sicht innerhalb der Branche heute?

Altenburger: A+W ist eine anerkannte Gesamtdienstleisterin im Engineering und Consulting. Es gibt wenige andere Unternehmen in der Schweiz, die ähnlich breit agieren und so komplexe Bauprojekte umsetzen. Ich denke da beispielsweise an The Circle am Flughafen Zürich, die vielen Spitalprojekte oder den ETH-Campus auf dem Hönggerberg in Zürich. 

Menti: Ich bin da womöglich etwas befangen, aber wenn ich bei einem Projekt sehe, dass A+W mitarbeitet, bin ich auch heute noch überzeugt davon, dass es gut umgesetzt wird.

 

Welche Erkenntnisse aus Ihrer langjährigen Erfahrung würden Sie heutigen A+W Mitarbeitenden mitgeben?

Menti: Die Basis ist nach wie vor die Qualität: Qualität liefern und Qualität einfordern. Die Freiheit nutzen, die einem als Mitarbeitende:r eingeräumt wird. Dadurch kann Neues entstehen. Darüber hinaus ist es wichtig, sich ein Netzwerk aufzubauen, auch wenn wir heute viel digital erledigen können. Kontakte sind das A und O. Eine gute Zusammenarbeit und gegenseitiges Verständnis zwischen den verschiedenen Akteuren wie Ingenieur:innen, Bauherrschaft und Architekt:innen sind wichtig und wertvoll.

Altenburger: Die Arbeit bei einem Ingenieurunternehmen sollte ein Engagement mit Passion sein. Es braucht auch etwas Geduld, um voranzukommen – im Unternehmen und im Job. Man sollte nicht immer auf Nummer sicher gehen, sondern auch etwas wagen und innovativ denken. Dies bedingt aber eine Unternehmenskultur geprägt von gegenseitigem Vertrauen und einer gesunden Fehlerkultur.

 

Vielen Dank für Ihre Zeit und das spannende Gespräch!

 

Die Energie der Zukunft: A+W im Gespräch mit ehemaligen Wegbereiter:innen

2027 feiert die Amstein + Walthert Gruppe ihr 100-jähriges Jubiläum. Im Rahmen der diesjährigen Nachhaltigkeitskampagne wagen wir einen Blick in die Vergangenheit und lassen ehemalige Mitarbeiter:innen zu Wort kommen, die in den letzten Jahrzehnten das Thema Nachhaltigkeit wesentlich mitgestaltet und geprägt haben. Sie analysieren die Entwicklung von Amstein + Walthert und der Energiebranche und erörtern verschiedene Fragestellungen. Bereits erschienen sind die Interviews mit Marianne Zünd und Andreas Baumgartner sowie das Doppelinterview mit Matthias Achermann und Pierre-Henri Schmid und das Interview mit Veronika Sutter.